weißraum

da hast du sie nun, deine neue wohnung. mach's

dir dort gemütlich. lass viel raum, den möbeln

platz zum "atmen". einweihungsfeier. prompt

wirst du gefragt ob du schon fertig bist mit

einziehen.


wir sind so geprägt: alle positionen mit

inhalt füllen. klar. kostet ja auch alles.

die tageszeitung zum beispiel. kein weißraum.

verschenkter platz heißt es. leerer raum hat

keine funktion heißt es. es ist raum in dem

nichts ist, aber etwas sein könnte - vielmehr

müsste. es braucht viel mut, absichtlich

etwas wegzulassen und zu sehen, was passiert.

aber obacht: "die gekonnte inszenierung des

nichts erfordert eine klare strategie und ein

erfahrenes auge. um leere zu gestalten, braucht

es eine tragfähige idee und feingefühl, jedes

detail bekommt seine bühne."* der weißraum

also als bühne. der verfolgerspot lenkt den

blick auf's wesentliche. konzentration durch

weißraum. schnell erfassbar, was ist wichtig,

was nicht.


nimm dir mal ein leeres blatt papier. das

gefühl kennst du. du musst was schreiben,

zeichnen, malen. angst vor der leere? angst,

die leere zu füllen? angst, die leere nicht

füllen zu können? der horror vor dem vacui. bei

den japanern ist das anders. im zen hat die

leere einen anderen stellenwert. sie bietet

unendliche möglichkeiten, sie zu füllen. oder

sie bestehen zu lassen, sie auszuhalten oder

sie zu genießen. leere als freiheit. freiheit

zu tun was man will.


der weißraum als visuelle pause. er schafft

rhythmus. wie die pause in der musik. im

japanischen verständnis gibt es den negativen

raum, den unausgefüllten raum zwischen den

dingen. beim ikebana, der traditionellen

blumensteckkunst, wird dem "ma"**, dem

negativraum, mindestens genausoviel beachtung

geschenkt wie dem floralen arrangement.

weißraum schafft die möglichkeit, die leere

mit seinen eigenen gedanken zu füllen. da wird

nicht alles verraten, das kannst du selbst

ausfüllen. also, denke nicht nur an das, was

da ist, sondern auch an das, was nicht ist -

und was sein könnte. mut zur lücke. mal ganz

anders.




*

Silke Bochat, Sustainability-Expertin

bei der Packagedesign-Agentur Lothat Böhm.

aus: Page 10/2009, S.29

Verpackungsdesign - Relativ nachhaltig

Ebner Verlag GmbH & Co. KG, Ulm


**

ma, japanisch für leerstelle, pause, der raum

zwischen zwei dingen. lao tse beschreibt es so:


dreißig speichen treffen die nabe

die leere dazwischen macht das rad.

lehm formt der töpfer zu gefäßen

die leere darinnen macht das gefäß.

fenster und türen bricht man in mauern

die leere damitten macht die behausung.

das sichtbare bildet die form eines werkes.

das nicht-sichtbare macht seinen wert aus.