pause

drück doch mal den pauseknopf. mach dir mal

den moment bewusst. den moment bevor das

orchester anfängt zu spielen. den moment bevor

der vorhang aufgeht. schau doch mal was da bei

dir passiert. und bei den anderen. das ist ein

bisschen john cage in zwei, drei sekunden.

freudige angespanntheit, ungeduldiges popcorn

rascheln, alles dabei. der kollektive gedanke:

wir sind uns einig, jetzt geht's los.


wir haben eine konsumhaltung, sind für stille

kaum empfänglich. da wird getuschelt, sich

geräuspert oder im programmheft geblättert. wir

kommen aus dem lärm der welt und nun wollen wir

etwas geboten bekommen. dabei brauchen wir die

stille. wir brauchen sie als hinführung, um

überhaupt ankommen zu können. es ist ein moment

der organisierten stille, wir wissen, dass wir

für die nächsten zwei stunden "unterhalten"

werden.


und du genießt die vorstellung. dann black,

vorhang, das war's, stück fertig. und vor dem

applaus, wieder eine pause. was bleibt, ist

ein gefühl, ein nachklang, ein echo, das die

leere füllt. eine sprechende pause sozusagen.

eine pause in der alles nachklingt aber auch

vorausklingt. in der pause ist nicht nichts.

durch alle stile und epochen ist in den

pausen etwas. wir füllen diese mit unseren

erwartungen. die stille ist als rahmen für

stücke besonders wichtig. vor dem stück ist

nach dem stück.


also: drück öfter den pauseknopf. in der stille

begegnest du deinen eigenen gedanken - und dir

selbst. es ist eine warme, lebendige stille der

erkenntnis und meditation.


aber stille kann auch kalt und negativ sein:

stille als diktat. sitz still. halt still.

oder wenn man sich einsam fühlt. dann erdrückt

sie. "totenstille" ist ein begriff, der die

angst vor tod und verlassenheit in sich birgt.

eisiges schweigen, die emotionale kälte,

die angst angeschwiegen zu werden und trotz

verbundenheit sich fern zu sein.

stille braucht eine gewisse erziehung und

gewöhnung, sonst überfordert sie uns.

es gibt drei stufen, stille zu erreichen:

stille suchen

stille ertragen

stille genießen

dann kannst du die stille loslassen. ein stille

sein im alltag, eine stille, die du in dir

trägst.*




*

Nikolaus Brantschen im SWR2 Forum "Die Angst

vor dem Scheigen" vom 06.01.2010